Miguel
... kurz nachdem der kleine Anton so plötzlich verstorben war, fanden wir eine Anzeige bei einem Internetportal in der ein junger, gelb-grüner Hahn ein neues Zuhause suchte. Er war ein Einzelvogel und auf den Bildern mit seinem kleinen und mit lauter Plastikzeugs voll gestopften runden (!) Käfig zu sehen. Auf diesen war man besonders stolz, weil er ja so wunderschön sei ...Aufgrund der nicht ganz gewöhnlichen Färbung des Kleinen, befürchteten wir schon, er würde schnell einen Abnehmer finden, bei dem er sein restliches Leben allein hätte fristen sollen – immerhin war er schon recht zahm und wie wir alle ja wissen *Ironie an* werden das mehrere Vögel ja nie *Ironie aus*.
Da bei uns Alles schon auf eine Nummer 9 eingerichtet war, riefen wir dort an und konnten gleich vorbei kommen.
Dort angekommen sahen wir, dass der Käfig des Kleinen auf dem Fußboden vor der Balkontür stand und noch kleiner war als er auf den Bildern schien.
Man berichtete uns ganz entzückt davon, wie 'Pascha' immer zu einem großen Garderobenspiegel in der Wohnung flog und da immer so schön erzählte ...
Da der Kleine eigentlich nur mit seinem ach so schönen Käfig abgegeben werden sollte, mussten wir etwas Überzeugungsarbeit leisten, dass er den bei uns und unserer Zimmervoliere wohl nicht brauchen wird.
Bevor wir mit ihm von dannen zogen, wurde uns auch noch einmal gezeigt, wie schön er auf den Finger kommt und wir wurden mit der Frage entlassen, ob wir denn mit einem so schönen Hahn nicht züchten wollten?!?
Ich wollte dort nur noch raus!
Zugegeben: Die Familie mochte ihren Welli und behandelte ihn besser, als manch anderer, aber er war dort die übliche Zierde, für die solch kleine Wesen leider auch heute noch allzu oft herhalten müssen.

Als wir bei uns ankamen war es nach 23:00 Uhr und Zeit, dem Neuankömmling einfach etwas Ruhe zu gönnen.
Am nächsten Morgen, wo er zum ersten Mal das Gezwitscher der Anderen hörte (er war ja noch zur Quarantäne extra untergebracht) geschah … gar nichts. Keine Reaktion seinerseits. Und das nach 'nur' vier Monaten Einzelhaltung.
Wir versuchten so viel Zeit wie möglich bei ihm zu verbringen, damit er nicht so allein war und sich auch schon etwas an uns gewöhnte. Es dauerte keinen Tag bis er auch bei uns auf den Finger kam.
Wenn wir nicht für ihn da sein konnten, stellten wir ihm ein Radio auf - und auf einmal begann er zu erzählen! Keine Reaktion auf die Laute der Artgenossen, aber auf Musik aus dem Radio ...
Natürlich brauchte der kleine Mann nun auch schnell einen anderen Namen für seinen Neustart ins Welli-Leben und da ich gerade ein Buch einer spanischen Autorin las und ihn mir dabei zwischendurch so ansah, kam ich auf den Gedanken, er sei ein kleiner 'Miguel' - auch wenn dieser Name im Roman gar nicht auftauchte.

Nach dem Eingangscheck bei der Tierärztin und einer Verlängerung der Quarantäne (wie zu erwarten war, hatte sich der Kleine durch den Zug an der Balkontür einen Infekt eingefangen), durfte Miguel nach einer uns fast endlos lang erscheinenden Woche zu den Anderen umziehen.
Ich war etwas skeptisch, wie er reagieren würde, da er der Erste war, der nicht während der Quarantänezeit auf die Rufe des Schwärmchens geantwortet hatte.
Es war der Abend nach der Nachuntersuchung beim TA (da er noch mal eine Spritze bekommen hatte, sollten wir ihm den Tag über Ruhe gönnen, aber die Nacht durfte er schon bei den Anderen verbringen) und wir stellten seinen Käfig neben die Voliere.
Der Rest nahm den Neuen natürlich sofort wahr und hing an seiner Seite vom Gitter und nach etwas Zögern wurde auch Miguel neugierig. Ein erster Schritt in die richtige Richtung. Aber nun war erst einmal Schlafen angesagt.
Am nächsten Morgen, wir öffneten die Voliere und Miguels Käfig, dauerte es keine 20 Sekunden, bis der kleine, grün-gelbe Blitz nach draußen schoß. Sofort fand er den Spielplatz und ließ sich wie selbstverständlich zwischen seinen neuen Freunden nieder.
Es war von diesem Moment an so, als wäre er noch nie woanders gewesen und gehörte schon immer zu unserem Schwarm.
Miguel kommt mittlerweile nicht mehr auf den Finger - wir haben es nicht weiter versucht - aber das ist nicht so wichtig, denn jetzt weiß er endlich, was es heißt, ein richtiger Welli zu sein!
Der Artikel wurde am 09.06.2009 von Bea veröffentlicht.
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