Wie wird mein Wellensittich zahm?
Diese Frage stellen sich vermutlich die meisten Wellensittich-Halter.Ich stelle eine Gegenfrage: Was bedeutet zahm denn überhaupt?
Und: Wieso soll ein Welli zahm sein?
Ist er schon zahm, wenn er z.B. Kolbenhirse aus der Hand frisst? Ist er zahm, wenn er dazu auch auf die Hand kommt? Ist er zahm, wenn er sich auf der Schulter herumtragen oder sich am Kopf kraulen lässt?
Was macht einen zahmen Welli denn aus?
Und wie will man dafür sorgen, dass er es wird?
Schaut man sich im Internet um, dann findet man die verschiedensten Ratschläge dazu, wie ein Wellensittich zu einem zahmen Welli wird. Diese Ratschläge reichen von "Geduld und Zeit" bis hin zu "nur Futter aus der Hand geben, ansonsten Futterentzug".
Zu letzterer Methode kann ich nur sagen, sie ist absolute Tierquälerei! Einem wirklich scheuen und zurückhaltenden Vogel, der einfach seine Ängste nicht überwinden kann, droht hier sogar der Hungertod. "ahm durch Futterentzug" ist ein reines Willenbrechen, nicht mehr und nicht weniger. Mit Vertrauen, was der Vogel einem Menschen entgegen bringen kann, hat das rein gar nichts zu tun.
Und wie gewinnt man nun das Vertrauen eines Wellensittichs?
Mit Geduld. Und Zeit.
Es geht hier nichts von heute auf morgen.
Vor allem wenn die Tiere frisch eingezogen sind, müssen sie sich erst mal an einen gewöhnen. Dabei hilft es, ruhig und leise mit ihnen zu reden, z.B. beim täglichen Futter- und Wasserwechsel oder auch einfach so zwischendurch.
Wenn die Wellis dann nach den ersten paar Tagen Eingewöhnung fliegen dürfen, kann man ihnen etwa Kolbenhirse aus der Hand anbieten. Früher oder später wird der Erste den Mut aufbringen und an ihr knabbern - der Futterneid sorgt dann meist dafür, dass der zweite Sittich bald nachzieht.
Die kleinen Tiere müssen erst lernen, dass ihnen vom vergleichsweise großen Menschen keine Gefahr droht. Wenn sie das erkannt haben, dann werden sie meist von sich aus neugierig und wollen wissen, wen sie da als Gegenüber haben.
Je nach Charakter, denn schließlich ist jeder Wellensittich eine kleine Persönlichkeit, kommen sie dann mutiger auf einen zu oder bleiben doch lieber auf Abstand.
Um das Vertrauen, dass einem ein Wellensittich einmal entgegen gebracht hat, nicht wieder zu verlieren, sollte man einige Punkte beachten:
Nie grundlos in die Hand nehmen! Wird ein Wellensittich in der Hand gehalten, ist es für ihn so, als wäre er in den Fängen eines Greifvogels. Ausnahmen sind hier Krankheitsfälle, wo das Tier zur Behandlung gehalten werden muss.
Nie scheuchen! Sei es nun aus dem Käfig, wieder zurück nach drinnen oder einfach quer durch das Zimmer. Wellensittiche werden dann schnell panisch, was sehr auf den Kreislauf geht. Außerdem erhöht die gesteigerte Angst das Risiko von Kollisionsunfällen.
Nie bestrafen! Ein Wellensittich nagt die Tapete an, hat einen Klecks auf der frischen Tischdecke hinterlassen oder beißt einem in den Finger - das muss doch bestraft werden?! Nein, muss es nicht. Denn der Vogel weiß nicht, dass er etwas Falsches getan hat. Z.B. das Zwicken in den Finger: Wellensittiche untereinander machen das als Liebesbekundung oder auch schon mal im Spiel. Wir als Menschen haben einfach nur das Pech, keine schützenden Federn an unseren Fingern zu haben, die die Kraft des Bisses etwas abmildern. Wird ein Vogel für diesen Ausdruck seiner Zuneigung bestraft, versteht er die Welt nicht mehr.
Der richtige Weg also, das Vertrauen eines oder mehrerer Wellensittiche zu gewinnen, sind eben Zeit und Geduld. Und wer meint, nur ein einzelner Wellensittich wird zahm, liegt schlichtweg falsch. Es ist egal, wie viele Tiere man hat - es spielt lediglich eine Rolle, wie viel man bereit ist, in die Beziehung Wellensittich - Mensch zu investieren. Und welchen Charakter man vor sich hat.
Es gibt auch genügend einzeln gehaltene Wellensittiche, die nie das Vertrauen zum Menschen aufbauen und ewig scheu und schreckhaft bleiben. Es stimmt also auch nicht, dass ein Einzelvogel schneller zahm wird.
Und das Wort 'zahm'?
Am besten streichen.
Die Frage ist doch nicht, wie ein Wellensittich zahm wird, sondern wie man als Mensch es schafft, dass er einem vertraut.
Wellensittiche wissen nicht, was zahm bedeutet. Woher auch? Was für eine Rolle spielt es für sie, zahm zu sein. Den Tieren ist das völlig egal. Wir Menschen hätten sie gern so - also sind auch wir diejenigen, die in dieses Verhältnis investieren müssen.
Und zwar mit Zeit. Und Geduld.
Der Artikel wurde am 15.01.2010 von Bea veröffentlicht.
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